Mittwoch, 6. September 2017

Review: "Patterson (2016)"

Wie "Paterson" es schafft den Entstehungsprozess eines Gedichts filmisch darzustellen, ist bemerkenswert.

Paterson (Adam Driver) ist ein Busfahrer in der Stadt Paterson im Bundesstaat New Jersey. Jeden Tag fährt er seinen Bus durch die Stadt und schreibt in der freien Zeit seine Gedichte in sein Notizbuch. Zuhause müht er sich mit seiner etwas skurillen Ehefrau Laura (Golshifteh Farahani) ab, geht mit seinem Hund Marvin spazieren und geht anschliessend in die immer gleiche Bar um ein Bier zu trinken.

Eine interessante Geschichte, dass Streamingdienste wie Netflix oder wie hier Amazon immer mehr Filme produzieren die auch noch gut sind (Negativbeispiel bei Amazon Studios ist wohl die Fortsetzung von "Zombieland"). Auch Paterson ist ein vortrefflicher Film, der sehr stark an Indie-Produktionen erinnert.

Der Film ist interessant, vor allem weil er unkonventionell ist. Vielfach glaubte ich zu wissen, wohin die Geschichte sich bewegt, wurde aber immer wieder überrascht.

Ausgezeichnet finde ich, wie die Gedichte, die Paterson verfasst, in den Film eingebunden werden. So etwas habe ich bei einem Film noch nie gesehen.

9/10

Der Film bei Amazon (Reflink)

Montag, 6. Februar 2017

Review: "Auf kurze Distanz (2016)"

Tom Schilling wieder einmal planlos in Berlin. Kennen wir doch!
Klaus Roth (Tom Schilling) ist ein Polizist der verdeckt in einer serbischstämmigen Wettbetrügerbande ermitteln. Er freundet sich dafür mit Luka Moravac (Edin Hasanovic) an. Die Beziehung wird so eng, dass es für das Ermittlungsverfahren schwierig wird.

Bei "Auf kurze Distanz" ist ein bitterböser Krimi. Ich denke, dass der Film erneut zeigt, dass Fernsehfilme ihren schlechten Ruf zu Unrecht haben. Der Film ist zwar einfach gemacht, die Atmosphäre ist gelungen. Der Film spielt zum Teil etwas mit Klischees, so finde ich beispielsweise den italienischen Mafiosi völlig seltsam.

Über die schauspielerische Leistung lässt sich ebenso nichts negatives sagen. Tom Schilling ist wieder einmal grossartig.

Die Geschichte ist gut geschrieben, ich möchte aber über die Geschichte nicht zu viel verraten. Aber der Film lohnt sich.

8/10

Donnerstag, 2. Februar 2017

Wie ich an einen Vortrag wollte, aber bei einem Gottesdienst landete

Israelische Fahnen im arabischen Viertel in Jerusalem im Februar 2015.
Die meisten Leute, die mich kennen dürften wohl wissen, dass ich mich sehr für jüdische Geschichte, aber auch Antisemitismus-Forschung und das Land Israel interessiere. Ich wurde auf einen Vortrag von Dr. Susanna Kokkonen in der "Lifechurch" in Rickenbach aufmerksam gemacht. Ich beschloss zu diesem Vortrag zu gehen. Es war auch die Gelegenheit mich mit einem weiteren Phänomen zu beschäftigen, was mich schon sehr lange interessiert, nämlich Freikirchen.

Also ging ich zu dieser Lokalität, etwas ausserhalb von Wil, wenige hundert Meter vom McDonalds entfernt, untergebracht im gleichen Gebäude wie eine Bowling Bahn. Es war, wie man sich dies von Freikirchen vorstellt. Man wurde zuerst einmal von jungen Begrüsser*innen in roten T-Shirts abgefangen. Zumindest versuchten sie das, was ihnen bei mir nicht gelang, glücklicherweise.

Zum Einstieg spielt die Lobpreisband fetzige religiöse Lieder auf Englisch. Die ersten Leute steigen aus ihren Sitzen, schliessen die Augen und strecken ihre Arme gegen den Himmel. So muss es Nicht-Fussballfans vorkommen, wenn sie mich bei einem Spiel des FC Wils sehen: Es ist etwas verstörend.

Der Raum ist immerhin mit einer Israelfahne dekoriert, ich fühle mich etwas mehr willkommen. Gleichzeitig frage ich mich, warum eine Fahne solche Gefühle in mir auslöst.

Der Pastor benutzt Jugendsprache aus den 1990ern, was mir auffällt, als er zum dritten Mal das Wort "mega" benutzt. Mir wird gleichzeitig aber immer mehr klar, dass ich hier an keinem wissenschaftlichen Vortrag gelandet bin, sondern an einem Gottesdienst. Der Pastor trägt die Monatslosung: "Wenn ihr in ein Haus kommt, so sagt als erstes: Friede diesem Haus!" (Lukas 10,5) vor und spricht dann plötzlich über die neue Autobahnvignette, die man ab heute braucht. Seltsam!

Das Vorstellungsreferat für Susanna Kokkonen hält Hansjörg Bischof von ICEJ Schweiz. Er hält zuerst einmal fest: "Jerusalem ist die Hauptstadt Israels wie könnte es anders sein." In mir macht sich leichter Widerspruch bemerkbar. Klar, Israels Hauptstadt ist auch für mich Jerusalem, klar ist diese Feststellung alles andere. Sie ist höchst umstritten. Allgemein versucht Bischof die aktuellen Fragen rund um die geplante US-Botschaft in Jerusalem etwas zu umgehen. Er schneidet das Thema aber dennoch am Rande an.

Susanna Kokkonen kündigt er als Finnin an, welche in Holocaust Studies an der Hebräischen Universität in Jerusalem promoviert hat. Sie ist Leiterin der Christian Friends of Yad Vashem und Repräsentantin von Yad Vashem in Italien und den skandinavischen Länder. Sie ist aber gleichzeitig stark mit der International Christian Embassy in Jerusalem (ICEJ) verbunden. Bei der ICEJ handelt es sich um eine grosse christlich-zionistische Organisation, wie ich erst nach dem Vortrag feststellte.

In diesem Moment wundere ich mich, dass es Kokkonen nicht gestört hatte, die 45 Minuten von Gesang und Gebet über sich ergehen zu lassen. Da dämmert es mir, dass mir hier kein wissenschaftlicher Vortrag blüht, sondern ein Vortrag mit starkem christlichen Einschlag.

Kokkonen beginnt ihr Referat mit den Todesmärschen im Januar 1945. Ein eindrücklicher Einstieg auch für viele im Raum, die mit diesen Ereignissen nicht vertraut sind. Hinter mir sitzen Mädchen, die staunen, was ihnen da erzählt wird über die Dimension dieses Verbrechens.

Nun macht Kokkonen Rückgriffe auf die Offenbarung (Offenbarung 22,13: "Ich bin das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende.") und kommt von dieser Stelle zu einer Geschichtsphilosophie, die von einem klaren Anfang und Ende der Geschichte ausgeht. Und irgendwo dazwischen würde Auschwitz liegen.

Sie setzt bereits die biblische Erfahrung der Israeliten in Exodus 14 als die Ägypter der Israeliten töten wollen den Antisemitismus ein. Als Historiker war ich entsetzt, wie unkritisch sie die Bibel für ihre Argumentation verwendete. Aus meiner Sicht wäre es in Ordnung gewesen Exodus 14 als Selbstzeugnis der Juden zu lesen, die sich einem gewissen Vernichtungswillen ausgesetzt sahen. Als historische Quelle an sich eignet sich die Bibel sicherlich nicht.

Die Analyse des Antisemitismus von Kokkonen ist allerdings gut und sehr sauber. Sie weist auf die rassistischen Komponenten des Antisemitismus hin. Juden werden als Rasse verstanden, von der sie sich auch nicht mit einer Konversion zum Christentum retten können. Sie bleiben Juden. Kokkonen betont aber auch das irrationale Element des Antisemitismus an.

Als Beispiel bringt sie zuerst, was sie als "transferring the hatred" versteht. Sie geht auf das mittelalterliche Gerücht des Ritualmords ein, welches als Motiv in Karrikaturen heutzutage wieder auftaucht.

Kokkonen spricht damit das kontroverse Thema des "New anti-semitism" an, also den Antisemitismus in Bezug auf Israel, von dem bis heute viele Leute überzeugt sind, dass es sich hier gar nicht um Antisemitismus handelt.

Weiteres Beispiel: Im Sommer 2014 während der letzten Auseinandersetzungen in Gaza wurden gemäss Kokkonen teilweise die Zustände in Gaza mit dem Warschauer Ghetto verglichen. Gemäss Kokkonen unrechtsmässig. Sie geht aber nicht im Detail auf den Vorwurf ein. Jedenfalls ist klar, dass es in Gaza keine industrielle Vernichtung von Menschenleben gab und gibt.

Kokkonen fragt nun rhetorisch ob es sich bei Israel um einen Apartheidstaat handle. Die Antwort ist selbstverständlich nein. Ihre Ausführungen finde dazu finde ich sehr gut. Der Zionismus sei in den Augen einiger Personen eine exklusive Bewegung, also eine Bewegung, welche beispielsweise Araber*innen aussschliesse. Ergo sei es eine rassistische Bewegung. Kokkonen ist nicht dieser Meinung. Die Realität des Staates Israel zeige nämlich, dass Minderheiten in Israel stark geschützt sind. So haben die Minderheiten in Israel die selben Rechte, aber nicht die gleichen Pflichten wie die Juden. Araber*innen müssen zum Beispiel keinen Wehrdienst leisten.

Kokkonen fragt sich, ob das Gesetz der Rückkehr, dass allen Personen mit mindestens einem jüdischen Grosselternteil die israelische Staatsbürgerschaft garantiert rassistisch sei. Kokkonen weist darauf hin, dass ein Staat, der seine Zuwanderung nicht kontrollieren würde, zwangsläufig kollabierten würde. Eine provokative Äusserung, wie sie selber sagte. Ich würde diese Aussage sicher zurückweisen. Allerdings muss man hier auch sagen, dass dies die allermeisten Regierungen in der Welt tun und es die israelische Regierung insofern auch tun können sollte.

Kokkonen spricht anschliessend ein "Lieblingsthema" der evangelikalen Christen an. Die Christenverfolgung in den (das sagt Kokkonen explizit so) muslimischen Ländern rund um Israel. Trotzdem seien viele Kirchen gegen Israel eingestellt, obwohl nur in Israel die Christen so gut geschützt seien wie dort.

Schliesslich kommt es von Seiten von Kokkonen zu einer harschen Kritik an der internationalen Politik. Sie spricht die Unesco-Resolution vom letzten Jahr an, welche jegliche Verbindung des Judentums zum Tempelberg leugnet. Kokkonen dreht die Sachlage aber so, dass mit der Unesco-Resolution nicht nur die jüdische sondern auch die christliche Verbindung mit dem Tempelberg geleugnet wird. Ein recht neuer Gedanke. Die Überlegung ist aber klar: Christentum und Judentum gegen den politischen Islam. Eine aus meiner Sicht heikle Schlussfolgerung.

Kokkonen holt aber noch weiter aus. Die Unesco-Resolution sei keine Attacke gegen Israel, sondern gegen das Wort Gottes und somit gegen Gott selber. Wir (gemeint sind die Christen im Raum, also nicht ich) sollen für unsere Regierungen beten, damit es endlich besser für Israel wird.

Kokkonen erzählt von einer persönlichen Offenbarung die sie einmal bekommen hat, als sie zweifelte, warum sie sich für Israel einsetzte. Ich möchte mich jetzt hier nicht darüber lustig machen. Jedenfalls beendete sie ihren Vortrag mit einem Gebet, wofür wir alle aufstehen mussten. Das war mir zu blöd. Ich blieb sitzen.

Zum Abschluss tanzte noch eine Frau der Gemeinde mit einer Fahne zu Hatikvah, der israelischen Nationalhymne, die Praiseband spielte nochmals.

Der Gottesdienst war vorbei und ich war froh, im Wissen darum, dass der Anteil der Konfessionslosen in der Schweiz ständig ansteigt.

Mittwoch, 25. Januar 2017

Kurzer Leserbrief zur erleichterten Einbürgerung der dritten Generation

Antwort zum Leserbrief im St. Galler Tagblatt vom 25. Januar 2017, S. 19:
[Name im eigentlichen Leserbrief enthalten] schreibt in einem Leserbrief zur erleichterten Einbürgerung der dritten Generation von sogenannter "sozialer Zuwanderung". Fakt ist: Der Gesetzestext schliesst explizit Sozialhilfeempfangende aus. Es handelt sich ausserdem um Personen die in der Schweiz geboren und aufgewachsen sind. Ob man Sozialleistungen bekommt hat nicht mit der Staatsbürgerschaft zu tun und das ist auch gut so. Im Übrigen kann ich die Stimmungsmache gegen Doppelbürger nicht nachvollziehen.