Montag, 6. Februar 2017

Review: "Auf kurze Distanz (2016)"

Tom Schilling wieder einmal planlos in Berlin. Kennen wir doch!
Klaus Roth (Tom Schilling) ist ein Polizist der verdeckt in einer serbischstämmigen Wettbetrügerbande ermitteln. Er freundet sich dafür mit Luka Moravac (Edin Hasanovic) an. Die Beziehung wird so eng, dass es für das Ermittlungsverfahren schwierig wird.

Bei "Auf kurze Distanz" ist ein bitterböser Krimi. Ich denke, dass der Film erneut zeigt, dass Fernsehfilme ihren schlechten Ruf zu Unrecht haben. Der Film ist zwar einfach gemacht, die Atmosphäre ist gelungen. Der Film spielt zum Teil etwas mit Klischees, so finde ich beispielsweise den italienischen Mafiosi völlig seltsam.

Über die schauspielerische Leistung lässt sich ebenso nichts negatives sagen. Tom Schilling ist wieder einmal grossartig.

Die Geschichte ist gut geschrieben, ich möchte aber über die Geschichte nicht zu viel verraten. Aber der Film lohnt sich.

8/10

Donnerstag, 2. Februar 2017

Wie ich an einen Vortrag wollte, aber bei einem Gottesdienst landete

Israelische Fahnen im arabischen Viertel in Jerusalem im Februar 2015.
Die meisten Leute, die mich kennen dürften wohl wissen, dass ich mich sehr für jüdische Geschichte, aber auch Antisemitismus-Forschung und das Land Israel interessiere. Ich wurde auf einen Vortrag von Dr. Susanna Kokkonen in der "Lifechurch" in Rickenbach aufmerksam gemacht. Ich beschloss zu diesem Vortrag zu gehen. Es war auch die Gelegenheit mich mit einem weiteren Phänomen zu beschäftigen, was mich schon sehr lange interessiert, nämlich Freikirchen.

Also ging ich zu dieser Lokalität, etwas ausserhalb von Wil, wenige hundert Meter vom McDonalds entfernt, untergebracht im gleichen Gebäude wie eine Bowling Bahn. Es war, wie man sich dies von Freikirchen vorstellt. Man wurde zuerst einmal von jungen Begrüsser*innen in roten T-Shirts abgefangen. Zumindest versuchten sie das, was ihnen bei mir nicht gelang, glücklicherweise.

Zum Einstieg spielt die Lobpreisband fetzige religiöse Lieder auf Englisch. Die ersten Leute steigen aus ihren Sitzen, schliessen die Augen und strecken ihre Arme gegen den Himmel. So muss es Nicht-Fussballfans vorkommen, wenn sie mich bei einem Spiel des FC Wils sehen: Es ist etwas verstörend.

Der Raum ist immerhin mit einer Israelfahne dekoriert, ich fühle mich etwas mehr willkommen. Gleichzeitig frage ich mich, warum eine Fahne solche Gefühle in mir auslöst.

Der Pastor benutzt Jugendsprache aus den 1990ern, was mir auffällt, als er zum dritten Mal das Wort "mega" benutzt. Mir wird gleichzeitig aber immer mehr klar, dass ich hier an keinem wissenschaftlichen Vortrag gelandet bin, sondern an einem Gottesdienst. Der Pastor trägt die Monatslosung: "Wenn ihr in ein Haus kommt, so sagt als erstes: Friede diesem Haus!" (Lukas 10,5) vor und spricht dann plötzlich über die neue Autobahnvignette, die man ab heute braucht. Seltsam!

Das Vorstellungsreferat für Susanna Kokkonen hält Hansjörg Bischof von ICEJ Schweiz. Er hält zuerst einmal fest: "Jerusalem ist die Hauptstadt Israels wie könnte es anders sein." In mir macht sich leichter Widerspruch bemerkbar. Klar, Israels Hauptstadt ist auch für mich Jerusalem, klar ist diese Feststellung alles andere. Sie ist höchst umstritten. Allgemein versucht Bischof die aktuellen Fragen rund um die geplante US-Botschaft in Jerusalem etwas zu umgehen. Er schneidet das Thema aber dennoch am Rande an.

Susanna Kokkonen kündigt er als Finnin an, welche in Holocaust Studies an der Hebräischen Universität in Jerusalem promoviert hat. Sie ist Leiterin der Christian Friends of Yad Vashem und Repräsentantin von Yad Vashem in Italien und den skandinavischen Länder. Sie ist aber gleichzeitig stark mit der International Christian Embassy in Jerusalem (ICEJ) verbunden. Bei der ICEJ handelt es sich um eine grosse christlich-zionistische Organisation, wie ich erst nach dem Vortrag feststellte.

In diesem Moment wundere ich mich, dass es Kokkonen nicht gestört hatte, die 45 Minuten von Gesang und Gebet über sich ergehen zu lassen. Da dämmert es mir, dass mir hier kein wissenschaftlicher Vortrag blüht, sondern ein Vortrag mit starkem christlichen Einschlag.

Kokkonen beginnt ihr Referat mit den Todesmärschen im Januar 1945. Ein eindrücklicher Einstieg auch für viele im Raum, die mit diesen Ereignissen nicht vertraut sind. Hinter mir sitzen Mädchen, die staunen, was ihnen da erzählt wird über die Dimension dieses Verbrechens.

Nun macht Kokkonen Rückgriffe auf die Offenbarung (Offenbarung 22,13: "Ich bin das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende.") und kommt von dieser Stelle zu einer Geschichtsphilosophie, die von einem klaren Anfang und Ende der Geschichte ausgeht. Und irgendwo dazwischen würde Auschwitz liegen.

Sie setzt bereits die biblische Erfahrung der Israeliten in Exodus 14 als die Ägypter der Israeliten töten wollen den Antisemitismus ein. Als Historiker war ich entsetzt, wie unkritisch sie die Bibel für ihre Argumentation verwendete. Aus meiner Sicht wäre es in Ordnung gewesen Exodus 14 als Selbstzeugnis der Juden zu lesen, die sich einem gewissen Vernichtungswillen ausgesetzt sahen. Als historische Quelle an sich eignet sich die Bibel sicherlich nicht.

Die Analyse des Antisemitismus von Kokkonen ist allerdings gut und sehr sauber. Sie weist auf die rassistischen Komponenten des Antisemitismus hin. Juden werden als Rasse verstanden, von der sie sich auch nicht mit einer Konversion zum Christentum retten können. Sie bleiben Juden. Kokkonen betont aber auch das irrationale Element des Antisemitismus an.

Als Beispiel bringt sie zuerst, was sie als "transferring the hatred" versteht. Sie geht auf das mittelalterliche Gerücht des Ritualmords ein, welches als Motiv in Karrikaturen heutzutage wieder auftaucht.

Kokkonen spricht damit das kontroverse Thema des "New anti-semitism" an, also den Antisemitismus in Bezug auf Israel, von dem bis heute viele Leute überzeugt sind, dass es sich hier gar nicht um Antisemitismus handelt.

Weiteres Beispiel: Im Sommer 2014 während der letzten Auseinandersetzungen in Gaza wurden gemäss Kokkonen teilweise die Zustände in Gaza mit dem Warschauer Ghetto verglichen. Gemäss Kokkonen unrechtsmässig. Sie geht aber nicht im Detail auf den Vorwurf ein. Jedenfalls ist klar, dass es in Gaza keine industrielle Vernichtung von Menschenleben gab und gibt.

Kokkonen fragt nun rhetorisch ob es sich bei Israel um einen Apartheidstaat handle. Die Antwort ist selbstverständlich nein. Ihre Ausführungen finde dazu finde ich sehr gut. Der Zionismus sei in den Augen einiger Personen eine exklusive Bewegung, also eine Bewegung, welche beispielsweise Araber*innen aussschliesse. Ergo sei es eine rassistische Bewegung. Kokkonen ist nicht dieser Meinung. Die Realität des Staates Israel zeige nämlich, dass Minderheiten in Israel stark geschützt sind. So haben die Minderheiten in Israel die selben Rechte, aber nicht die gleichen Pflichten wie die Juden. Araber*innen müssen zum Beispiel keinen Wehrdienst leisten.

Kokkonen fragt sich, ob das Gesetz der Rückkehr, dass allen Personen mit mindestens einem jüdischen Grosselternteil die israelische Staatsbürgerschaft garantiert rassistisch sei. Kokkonen weist darauf hin, dass ein Staat, der seine Zuwanderung nicht kontrollieren würde, zwangsläufig kollabierten würde. Eine provokative Äusserung, wie sie selber sagte. Ich würde diese Aussage sicher zurückweisen. Allerdings muss man hier auch sagen, dass dies die allermeisten Regierungen in der Welt tun und es die israelische Regierung insofern auch tun können sollte.

Kokkonen spricht anschliessend ein "Lieblingsthema" der evangelikalen Christen an. Die Christenverfolgung in den (das sagt Kokkonen explizit so) muslimischen Ländern rund um Israel. Trotzdem seien viele Kirchen gegen Israel eingestellt, obwohl nur in Israel die Christen so gut geschützt seien wie dort.

Schliesslich kommt es von Seiten von Kokkonen zu einer harschen Kritik an der internationalen Politik. Sie spricht die Unesco-Resolution vom letzten Jahr an, welche jegliche Verbindung des Judentums zum Tempelberg leugnet. Kokkonen dreht die Sachlage aber so, dass mit der Unesco-Resolution nicht nur die jüdische sondern auch die christliche Verbindung mit dem Tempelberg geleugnet wird. Ein recht neuer Gedanke. Die Überlegung ist aber klar: Christentum und Judentum gegen den politischen Islam. Eine aus meiner Sicht heikle Schlussfolgerung.

Kokkonen holt aber noch weiter aus. Die Unesco-Resolution sei keine Attacke gegen Israel, sondern gegen das Wort Gottes und somit gegen Gott selber. Wir (gemeint sind die Christen im Raum, also nicht ich) sollen für unsere Regierungen beten, damit es endlich besser für Israel wird.

Kokkonen erzählt von einer persönlichen Offenbarung die sie einmal bekommen hat, als sie zweifelte, warum sie sich für Israel einsetzte. Ich möchte mich jetzt hier nicht darüber lustig machen. Jedenfalls beendete sie ihren Vortrag mit einem Gebet, wofür wir alle aufstehen mussten. Das war mir zu blöd. Ich blieb sitzen.

Zum Abschluss tanzte noch eine Frau der Gemeinde mit einer Fahne zu Hatikvah, der israelischen Nationalhymne, die Praiseband spielte nochmals.

Der Gottesdienst war vorbei und ich war froh, im Wissen darum, dass der Anteil der Konfessionslosen in der Schweiz ständig ansteigt.

Mittwoch, 25. Januar 2017

Kurzer Leserbrief zur erleichterten Einbürgerung der dritten Generation

Antwort zum Leserbrief im St. Galler Tagblatt vom 25. Januar 2017, S. 19:
[Name im eigentlichen Leserbrief enthalten] schreibt in einem Leserbrief zur erleichterten Einbürgerung der dritten Generation von sogenannter "sozialer Zuwanderung". Fakt ist: Der Gesetzestext schliesst explizit Sozialhilfeempfangende aus. Es handelt sich ausserdem um Personen die in der Schweiz geboren und aufgewachsen sind. Ob man Sozialleistungen bekommt hat nicht mit der Staatsbürgerschaft zu tun und das ist auch gut so. Im Übrigen kann ich die Stimmungsmache gegen Doppelbürger nicht nachvollziehen.

Dienstag, 27. Dezember 2016

Solidarität mit Uğur Tütüneker!

Tütüneker im Jahr 2013. (Quelle: Ultraslansi, CC BY-SA 3.0, auf Commons.)
Gegen den ehemaligen Wil-Trainer Uğur Tütüneker wird in der Türkei ein politischer Prozess geführt. Tütüneker soll sich irgendwie am Putschversuch gegen den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan vom Juli beteiligt haben. Tütüneker soll in einer "Terrororganisation" Mitglied gewesen sein, die von Fethullah Gülen geführt werden soll und den Putschversuch angezettelt haben soll.

Für die Organisation gibt es keine stichhaltigen Beweise. Hinter der Organisation sollen gemäss Staatsanwälten die CIA und die USA stecken. Verschwörungsideologien als Staatsdoktrin.

Tütüneker ist freiwillig in die Türkei zurückgekehrt, obwohl die Schweiz ihn nicht ausliefern hätte müssen. Politische Delikte (mit Ausnahmen wie Völkermord, Flugzeugentführungen) reichen nicht für eine Auslieferung.

Die Rolle des FC Wils ist sehr unschön. Direkt nach dem Haftbefehl wurde Tütüneker entlassen. Das hätte nicht sein müssen. Es ist klar, dass die Clubführung, welche als  Erdoğan-nahe gilt, nicht verärgern wollten. Damit zeigt sich, dass Erdoğan autokratische Politik bis uns in die Schweiz reicht. Eine sehr bedenkliche Entwicklung.

Die Justiz in der Türkei ist nicht mehr unabhängig. Der Staatspräsident hat zahlreiche Staatsanwälte und Richter entlassen. Die, die noch im Amt geblieben sind, werden sicherlich nicht das Risiko eingehen den Zorn Erdoğans auf sich zu ziehen.

Tütüneker ist nicht der einzige, der unrechtsmässig verhaftet wurde. Zum Beispiel die Führung der drittgrössten Partei der Türkei, die prokurdische HDP sitzt im Gefängnis. Wer also denkt, dass es hier um einen rechtsstaatlichen Prozess gegen Putschisten geht, der/die irrt.

Deswegen gilt meine Solidarität ganz besonders dem ehemaligen Trainer des FC Wil Uğur Tütüneker, aber auch allen unschuldig angeklagten Menschen in der Türkei.

Donnerstag, 1. Dezember 2016

Review: "Payback (1999)"

Die Magnum bereits im Anschlag.
Porter (Mel Gibson) wurde um 70'000 Dollar geprellt. Diese möchte er zurück und tötet alles und jeden, was sich ihm in den Weg stellt, egal ob das die Triaden, ein grösseres Vebrecherkartell oder korrupte Polizisten sind.

In einschlägigen Datenbanken wird der Film als "neo-noir" bezeichnet. Ich denke diese Genrebezeichnung passt ausgezeichnet. Porter ist ein absoluter Antiheld und der Film strotzt nur so von Nihilismus.

Trotzdem ist der Film spannend und bietet gute Action. Auf der anderen Seite gibt es auch viel dunklen Humor. So wird Porter immer wieder gefragt, warum er diesen Raubzug wegen 130'000 Dollar macht. Porter korrigierte dann immer, dass es um 70'000 Dollar gehe, was die Umstehenden noch mehr verwundert.

Mel Gibson passt meines Erachtens sehr gut in die Rolle. Für mich spielt er den rauen Porter hervorragend.

8/10

Montag, 21. November 2016

Review: "Trumbo (2015)"

Dalton Trumbo (Bryan Cranston) in seiner kreativen Phase in der Badewanne: Bitte nicht stören!
Dalton Trumbo (Bryan Cranston) war ein bedeutender Drehbuchautor, er hatte aber ein Problem: Er war Mitglied der Kommunistischen Partei der USA. Zum Beginn des Kalten Krieges geriet er mit anderen Kollegen ins Visier des Komitees gegen unamerikanische Umtriebe. Sie sollten vor dem Kongress zu ihrer poltischen Einstellung aussagen. Trumbo und seine Kollegen, die später als "Hollywood Ten" bezeichnet werden, weigern sich mit verweis auf das First Amendment (Freie Meinungsäusserung etc.) darüber Auskunft zu geben. Sie werden wegen Missachtung des Kongresses verurteilt, der Supreme Court stützt dieses Urteil. Trumbo landet elf Monate im Gefängnis und wird danach auf der Schwarzen Liste geführt, auf welcher sogenannte "Rote" aufgelistet wurden, damit diese keine Job bekommen in der Unterhaltungsbranche. Der Film behandelt Trumbos Leben auf der Schwarzen Liste. Er schrieb jahrelang unter zahlreichen Pseudonymen. Zweimal bekam er so für ein Drehbuch sogar einen Oscar, ohne dass er dafür gewürdigt wurde.

Der Film ist trotz des ernsten Themas sehr unterhaltsam. Am besten hat mir John Goodmann als Frank King gefallen. Frank King war einer der Produzenten, die Trumbo die Drehbücher abnahmen, obwohl sie das offiziell nicht so machen konnten. Die Produktionsfirma von King (King Brothers) scheint recht viele Schundfilme produziert zu haben. Als Trumbo, ein gestandener Drehbuchautor, bei King im Büro auftaucht und King anbietet für ihn zu arbeiten, ist die erste Reaktion, dass er sich dies nicht leisten könne. Auf die Frage von Trumbo, wieviel das Drehbuch für den Film auf dem Plakat hinter King gekostet habe, sagt King 120 Dollar. Trumbo ist mit diesem Betrag einverstanden und der Spass beginnt. Trumbo produziert massenhaft Schund.

Der Film bietet einen guten Rückblick in ein Zeitalter des extremen Antikommunismus. Leider wird sehr wenig auf die politischen Inhalte von Trumbo und seinen Kollegen eingegangen. Aber ich glaube der Film zeigt dennoch, warum man sich auch bis in die bürgerliche Mitte gegen Berufsverbote aussprechen muss.

Mittwoch, 10. August 2016

Demobericht "Schlächthäuser schliessen!" in Bern im August 2016

Die traditionelle Demo des Vereins Tier-im-Fokus.ch fand dieses Jahr zum dritten Mal statt, wiederum in Bern. Die letzten beiden Male war die Demo ein Umzug gewesen. Dieses Mal war es eine Kundgebung an einem festen Ort, dem Bahnhofplatz in Bern, einem tollen Platz!

Die Demo war gekennzeichnet von vielen Reden, Aktionen und Auftritten. Dazu wurden regelmässig wieder Parolen gerufen. Es waren viele Gruppen sichtbar. Der Veranstalter TIF war natürlich mit einem Stand vertreten und brachte Literatur und Merchandise unter die Menschen. Gleiches taten die Vegane Gesellschaft Schweiz und die Tierrechtsgruppe Zürich. Präsent waren auch anarchistische Gruppen mit Transparenten und einer grossen Auswahl an Aufklebern. Aber auch die Organisation Pour l'Egalité Animale (PEA) war mit Aktivist*innen anwesend und machte auf ihre "Demo für das Ende des Speziesismus" aufmerksam. Anwesend war aber auch die Aktive Tierschutzgruppe Salez, wenn auch anfangs nicht offen. Dazu später.

In seiner kämpferischen Rede forderte Pablo Labhart (TIF) passend zum Thema die Schliessung aller Schlachthäuser, er hielt fest:
Unsere Bewegung wächst. Bei jedem Treffen hat es mehr Leute als zuvor. Und auch wenn ihr jetzt links und rechts schaut, seht ihr die verschiedensten Leute. Einige von euch sind noch in der Schule. Andere haben schon Grosskinder. Manche von euch verdienen ihr Geld als Koch, andere als Bauarbeiterin. Zu uns zählen Polygrafinnen, Musiker, Psychologinnen, Juristinnen, Werklehrer, Tierärztinnen, Informatiker und viele weitere.
In einer weiteren Rede kritisierte die nachdenkliche Meret Schneider (Sentience Politics/Junge Grüne) ihre eigene Partei, für die Umweltschutz auf dem Teller aufhöre. Sie zeigte sich aber auch innerhalb gewisser Strategien innerhalb der Tierrechtsbewegung skeptisch. So erachtet Meret Schneider eine Kommunikation im Stile von "Fleisch ist Mord!" nicht als sinnvoll, wenn man die Meinungen anderer (omnivorer) Menschen ändern möchte.
Hatte eine rosarote Brille an und erzählte etwas über Liebe: Raphael Neuburger.
Der Präsident der Veganen Gesellschaft Raphael Neuburger versprühte von der Bühne mit seiner Rede zum Thema "Liebe" gute Laune. Er schloss mit der Bemerkung, dass der Bewegung für den Effektiven Altruismus, welche er sehr schätzen würde, etwas mehr Liebe auch guttun würden.

Die letzte Rede des Tages hielt Georg Klingler (Greenpeace/Hof Narr). Er erweiterte den Fokus der Reden und sprach unter anderem über die Fische und bezeichnete die grossen Schleppernetze, der intensiven Fischerei als "Schlachthäuser der Meere".

Aktionen gab es zahlreiche. Es wurde wiederum das traditionelle "Die-In" durchgeführt. Die Teilnehmer*innen legten sich dafür auf den Boden und demonstrierten hiermit gegen den unnötigen Tod von so vielen Tieren.

Eine weitere Aktivität auf dem Platz war die "Menschenfleisch"-Aktion dazu legten sich hauptsächlich Frauen in Unterwäsche, kunstblutverschmiert in eine überdimensionierte Fleischschale, welche mit Frischhaltefolie fast komplett eingeschlossen wurde. Dazu wurde ein Schild "Menschenfleisch" mit einer Preisangabe angebracht. Die Botschaft war klar: Grausam bei Menschen, grausam bei Tieren. Die Aktion war unbestreitbar die Aktion mit der meisten Aufmerksamkeit. Hauptsächlich Männer standen mit weit aufgerissenen Augen und heruntergeklappter Kinnlade vor den Schalen und machten ein Foto von den regungslosen Köpern. Ich verzichte hier bewusst auf ein Bild dieser Aktion.

Einige kleine Kinder verstörte die "Käfig-Aktion". Hier wurden halbnackte Aktivist*innen (was sonst?!) in einen Käfig gesperrt und angekettet. Dazu schrien sie wie am Spiess. Im Nachhinein bezeichneten einige Teilnehmer*innen diese Aktion mir gegenüber als "heftig".


Die letzte Aktion beeindruckte mich am meisten. In der Schweiz werden statistisch pro Sekunde zwei Tiere umgebracht. Dazu stellten sich ein paar Aktivist*innen in einer Reihe auf und stellten einen Zähler dar.

Es kam auch zu sonderbaren Vorfällen. Beispielsweise spielte während der Demo YB gegen Thun, also das Berner Derby, ein ziemlicher Kassenschlager. Also stürmten auch eine kleine Gruppe an YB-Fans den Bahnhofplatz und skandierte lautstark "Ihr macht euch keine Freunde mit Salat!" unterhaltsam!

Von links nach rechts: Ein Bild von der Demo 2014, ein Bild vom 6. August ca. 18 Uhr und die Szene nach 21 Uhr. Die zwei TIF-Aktivisten sind mit roten Kreisen markiert.
 Nach 21 Uhr als sich die bereits oben genannte Tierschutzgruppe Salez auf den Nachhauseweg machte, wurde sichtbar, was sie auf der Rückseite ihres Schildes angebracht hatten und ich bereits vermutet hatte. Es war das berüchtigte Schild, dass bereits an der ersten Demo im Jahr 2014 von dieser Gruppe gezeigt wurde und die Shoa (den Holocaust) mit dem Leid der Tiere nicht nur verglich sondern gleichsetzte.* Es war eine reine Provokation, egal ob intentional oder nicht.

Rührend war der Einsatz zweier Aktivisten von TIF, die herzhaft einschritten, um das Plakat abzudecken.

TIF hatte sich 2015 gegen den "Holocaust-Vergleich" ausgesprochen und Gruppen wie den Verein gegen Tierfabriken (VgT) und seinen umstrittenen Präsidenten Kessler von der Teilnahme ausgeschlossen, solange sich diese nicht von den in der Vergangenheit getätigten Aussagen distanzieren.

Die Aktive Tierschutzgruppe Salez (ATS) kann man als Abspaltung vom VgT betrachten. Weil die Gründerin Edith Z. mit dem Führungsstil von Kessler nicht einverstanden war, distanzierte sie sich von ihm. Inhaltlich scheint sie mit Kessler aber keine grossen Differenzen zu haben.

Nichtsdestotrotz war die Demo abgesehen von diesem Vorfall ein grosser Erfolg. Wir haben es geschafft die Bevölkerung mit unseren Überzeugungen zu konfrontieren.

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* So interpretiere ich zumindest die Gleichheitszeichen auf dem Schild.

(Disclaimer: Der Autor ist Mitglied des Vereins Tier-im-Fokus.ch.)