Dienstag, 17. Februar 2015

Yalla! - Ein Reisebericht über Israel - Februar 2015

Eine Israelfahne, gefunden am Fuss des Ölbergs. (CC BY-NC-SA 4.0: Johannes Leutenegger)
Israel und die Schweiz sind ja gar nicht so verschieden, könnte man auf den ersten Blick meinen. Beide verfügen über etwa acht Millionen Menschen und haben eine grosse Einwanderung. Ausserdem sind beide Länder gut entwickelt, beide sind mehrsprachig (Israel hat Hebräisch und Arabisch als Amtssprachen). Und sowohl in Israel und als auch in der Schweiz nimmt die Armee eine besondere Stellung ein. Aber die Situation in der beide Länder stecken ist eine ganz andere. Israel wird praktisch seit der Staatsgründung sowohl militärisch als auch terroristisch bedroht, ganz anders als die Schweiz, die wohl auch in absehbarer Zeit keine solchen Probleme haben wird. Der Staat Israel investiert jährlich 16,5 Milliarden Dollar in ihr Militär. Das entspricht unglaublichen 6,9% ihres BIP. (Zum Vergleich sind es bei der Schweiz ca. 5 Milliarden, was ungefähr 0,8% des BIP beträgt.)

Ist Israel wenigstens ein Staat indem ethnische Gruppen und Leute mit verschiedenen Sprachen friedlich zusammenleben? Wie leben AraberInnen in Israel? Diese Frage lässt sich nicht so einfach mit einem Satz beantworten. In diesem Text soll diese Frage daher genauer angeschaut werden.

Politische Rechte
Ich wurde von einem Freund gefragt, was ich denn mit "israelischen Arabern" meinen würde, als ich über meine Erfahrungen gesprochen habe. Wenn wir Europäer nach Israel schauen, dann sehen wir meistens den Konflikt im Westjordanland und vor allem denjenigen in Gaza. Araber kämpfen mit allen Mitteln gegen das israelische Militär. Ist es also nicht ein Widerspruch von "israelischen Arabern" zu sprechen. Die Situation ist weitaus komplizierter. Alle Araber, die in Israel geboren wurden, sind auch israelische Staatsbürger. Das ist einmal das eine. Viele dieser Leute fühlen sich auch als Israeli, möchten ernstgenommen werden und wollen politisch mitentscheiden. Dies belegt eine Studie des Israeli Democracy Institutes.
65% der AraberInnen sind stolz Israelis zu sein, während sich 59% von ihnen als Teil Israels sehen. (Quelle: IDI-Studie, S. 59.)
Israel gilt als einzige Demokratie im Nahen Osten. Und das stimmt m.E. auch. AraberInnen mit israelischer Staatsbürgerschaft haben die absolut gleichen politischen Rechte wie jüdische Israelis. Araber können sogar Staatspräsidenten oder sogar Premierminister werden. Diese Gleichstellung zweifelt, soweit ich beurteilen kann, keine einzige Partei im Knesset an. Sogar der Begründer des Revisionistischen Zionismus Vladimir Ze'ev Jabotinsky unterstützte dieses Anliegen. In Israel können alle ihre Meinung frei äussern, auch AraberInnen. Von diesen Rechten haben die Araber auch Gebrauch gemacht. Immerhin stellen sie 20,7% der Bevölkerung, Tendenz steigend. Klar haben sie mittlerweile spezielle Parteien gegründet, die ihre speziellen Interessen erreichen sollen.

AraberInnen und das Militär
In Israel besteht grundsätzlich eine Wehrpflicht für alle, die auch Frauen einschliesst. AraberInnen (also Christen wie auch Muslime) dürfen zwar in der Armee dienen, werden aber nicht aktiv einberufen oder beworben. Das ärgerte einige israelische Araber, die ich getroffen habe mehr oder weniger. Offensichtlich sind sie in dieser Beziehung ihren jüdischen oder drusischen BürgerInnen nicht gleichgestellt. Auf der anderen Seite sind sie natürlich auch froh, dass sie sich den dreijährigen Militärdienst nicht antun müssen.

Verkehrspolizei in Bethlehem in den Palästinensischen Autonomiegebieten. (CC BY-NC-SA 4.0: Johannes Leutenegger)

Innere Streitigkeiten unter AraberInnen?
Die arabischen Interessen als einen Block zu verstehen, ist fahrlässig. Die Interessen der AraberInnen unterscheiden sich diametral bei gewissen Punkten. So gibt es, wie bereits erwähnt, AraberInnen, die einen eigenen Staat haben wollen und diesen mit verschiedenen Mitteln wollen. Ausserdem sieht dieser Staat jeweils anders aus. Die Hamas will zum Beispiel einen islamistischen Staat. Dann gibt es die marxistisch-leninistische PFLP, die sich wiederum in verschiedenste Fraktionen aufgespaltet hat.  Und dann gibt es noch die gemässigtere Fatah, die den "Staat Palästina" mit Mahmud Abbas führt.

Von den knapp anderthalb Millionen AraberInnen in  Israel sind 81,5% Muslime, 10,3% Christen und 8,2% Drusen.  Im Dorf in dem ich sechs Tage lang war, I'billin, gibt es sowohl Christen (katholische, aber auch griechisch-orthodoxe) und Muslime, wobei letztere zahlenmässig über eine leichte Mehrheit verfügen. Man respektiert sich aber im Dorf, hat guten Umgang miteinander, toleriert sich. Aber es ist völlig undenkbar, dass sich die Leute in I'billin besonders die Christen für einen Staat Palästina, wie er jetzt besteht, im grossen Stil begeistern könnten. Erstens ist das Leben in den Autonomiegebieten verglichen mit dem in Israel einfach etwas ganz anderes. Zweitens wissen die arabischen Christen, dass ihre Situation in einem Land, das entweder von der Fatah oder der radikalislamischen Hamas kontrolliert für die als Minderheit in der Minderheit sehr unangenehm wird. Festzuhalten ist, dass die Araber in Israel sicher im Zwiespalt sind. Es ist zwar nicht auszuschliessen, dass sie zu "Patrioten" werden, wie man solche Leute im Dorf mir gegenüber genannt hat, werden, aber sie können auch gerade so gut probieren, ihre Forderungen im israelischen Staat durchzusetzen. Vielleicht geht es in diesem sogar noch besser.

Ich empfand Religion in I'billin allgemein als deutlich anders als bei uns. So äusserte der Schuldirektor des Dorfes am ersten Abend die Meinung, dass man die Religion am Anfang des Lebens bekommt und nicht mehr ablegen oder wechseln kann. (Dies ist auch als Kritik an Teilen der israelischen Regierung zu verstehen, die aus Israel einen "jüdischen Staat" machen wollen. Später mehr dazu.) Mir sagten viele junge Leute, dass sie es mit dem Glauben nicht so eng nehmen, aber sie gehören nun einmal dazu und sehen sich als Teil der chrstlichen Community im Dorf.

Israel: "Staat für Jüdinnen und Juden" oder "jüdischer Staat"?
Die Grundauseinandersetzung zwischen kulturellen (wie angestossen von Achad Ha'am) und politischen Zionisten (wie anfangen von Theodor Herzl) scheint sich heute um die Frage zu drehen, ob man einen jüdischen Staat oder einen Staat für Jüdinnen und Juden will.  Will man einen Staat in dem Juden und Jüdinnen frei leben können, ohne Diskriminierung und Pogrome, der aber grundsätzlich säkular und offen für alle ist, oder will man einen jüdischen Staat, der durch und durch jüdisch-hebräische Kultur verbreitet. Herzl war selber nicht religiös und hat so viele andere Juden brüskiert. Dennoch sah er, dass Antisemitismus nicht nur eine religiöse, sondern auch eine rassische Komponente hat. Die Kultur oder die Religion ist prinzipiell egal, denn es ging/geht darum, dass Juden und Jüdinnen endlich ihr Schicksal selber in die Hand nehmen können.

Wahlen im März 2015
In der Regierungskoalition kam es zu Unstimmigkeiten. Es ging neben Budgetfragen um die "Jewish State"-Vorlage. Diese Gesetzesvorschlag hätte eine massive Diskriminierung der arabischen Bevölkerung zur Folge. Hebräisch wäre beispielsweise die einzige Amtssprache, Arabisch hätte nur noch einen Spezialstatus. Einzelne Minister, wie zum Beispiel die Justizministerin Tzipi Livni, zeigten ihre Ablehnung dieser Vorlage öffentlich. Netanjahu schlug also eine Auflösung der Knesset vor, welche am 2. und 8. Dezember bestätigt wurde. Am 17. März gibt es also Neuwahlen. Die arabischen Parteien haben sich zu einem Bündnis zusammengeschlossen, da das Quorum für eine Beteiligung an der Knesset erhöht wurde. Das Bündnis hat das erklärte Ziel Netanjahus Koalition zu verhindern. Es wird spannend.

Schluss
Israel ist ein Land voller Widersprüche. Die Konflikte sind komplex. Soweit ich die AraberInnen kennengelernt habe, sind sie keine homogene Gruppe, die sich einstimmig einen eigenen Staat wünscht, geschweige denn den selben Staa, mit den gleichen Leitideen. Viele AraberInnen möchten sich in Israel einbringen, verlangen aber auch, dass sie nicht überall kontrolliert werden, nur weil sie arabisch sind. Aber diese Policy kann sich auch ändern. Israel ist eine Demokratie, Wandel zum positiven ist möglich und wahrscheinlich. Ich hoffe auf dieses Land.

Bibliografie
Brenner, Michael: Politischer Zionismus und Kulturzionismus, 28.03.2008. <http://www.bpb.de/internationales/asien/israel/44945/politischer-und-kulturzionismus>[Stand: 16.02.2015].
Keinon, Herb: US Watchdog. Israel is Mideast’s only 'free' state, 21.01.2013. <http://www.jpost.com/National-News/US-watchdog-Israel-is-Mideasts-only-free-state> [Stand: 16.02.2015].
Krogmann, Andrea:  Junge Schweizer treffen in Israel junge Araber-Christen im schwarzen Mini, 10.2.15. <http://www.kath.ch/newsd/junge-schweizer-treffen-in-israel-junge-araber-christen-im-schwarzen-mini/> [Stand: 17.02.2015]. (Ein Artikel über meine Reisegruppe.)
Pileggi, Tamar:  Jews and Arabs proud to be Israeli, distrust government, 05.01.2015. <http://www.timesofisrael.com/jews-and-arabs-proud-to-be-israeli-distrust-government/> [Stand: 16.02.2015].

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