Montag, 2. Februar 2015

"aufbruch" über GBS-Projekte - Eine Entgegnung

"Halbierte Vernunft"?
In der aktuellen Ausgabe des "aufbruch" (30. Januar 2015) ist ein Artikel über die Projekte von gbs-Schweiz. Das "aufbruch" ist eine reform-katholische Zeitschrift. Meine Mutter erhält die Zeitschrift jeweils mit der ebenfalls reform-katholischen Zeitschrift "publik-forum". Das Profil der beiden Zeitschriften ist also eher vatikankritisch und liebäugelt tendenziell auch mit den Befreiungstheologen in Südamerika. Das publik-forum hatte auch schon einmal eine Sonderausgabe mit dem Thema "Heilen" herausgegeben, die in meinen Augen klar esoterisch einzustufen war.

Nun hat aufbruch also über die gbs geschrieben. Der Artikel beleuchtet den evolutionären Humanismus, den die gbs vertritt. Mit möglichst rationalem Denken und Handeln, sollen die Lebensverhältnisse verbessert werden. Soweit so gut.

Im zweiten Abschnitt kommt zuerst die katholische Theologin Janique Behman zur Sprache. Ich schätze sie sehr, so ist sie beispielsweise Veganerin und vertritt diese Haltung auch öffentlich zum Beispiel in Reden und vermutlich auch in Predigten. Das als allererstes gerade die "Gegenseite" das Wort hat, also niemand von der gbs selber, hat mich nachdenklich gemacht. Sie kritisert, dass der Mensch mehr ist als Effektivitöt und Nützlichkeit. Ich glaube, dass ist wiederum ein grösseres Missverständnis, welches bei utilitaristischen Ethikmodellen vorgebracht wird. Es ist absolut klar, dass auch Musik, Literatur, Kultur und Dinge die Spass machen einen Nutzen haben. Es muss mir gut gehen, nicht nur, aber auch gerade weil ich ansonsten wohl kaum effektiv anderen helfen kann. Ausserdem schmerzt es die Wenigsten 10% ihres Einkommens zu spenden. Im Gegenteil: Spenden und rational zu Handeln um die Welt besser zu machen, kann durchaus sinnstiftend sein und glücklich machen.

Dann kommt Odilo Noti, seines Zeichens nach ebenfalls Theologe zu Wort. Der evolutionäre Humanismus sei "szeintistisch" und "betrachtet Religion als eine Form der Magie". "Szienzistisch" ist für mich in diesem Kontext ein Kampfbegriff, daher werde ich auf diesen nicht weiter eingehen. Dass die gbs "naturwissenschaftsgläubig" ist, wie es Noti es umschreibt, stimmt aber und das ist auch gut so. Religion kann durchaus auch etwas sinnstiftendes sein, aber wir müssen einsehen, dass die Naturwissenschaften für die Lösung unser Probleme besser geeignet ist, als ein tausende Jahre altes Buch. Eine moderne Ethik muss ohne Dogmen auskommen.

Er kritisiert auch "die" Vernunft der gbs als "reduzierte, halbierte und nicht ganzheitliche". Es gäbe nämlich eine sog. "Wirklichkeitserfahrung" die nicht-empirisch sei. Manchmal habe ich das Gefühl hier würde ein Naturheilpraktiker sprechen und nicht ein akademisch ausgebildeter Geisteswissenschaftler. Wie zum Teufel sollen wir sonst Informationen aufnehmen, wenn nicht empirisch? Durch Offenbarung?

Dann darf Reta Caspar von der Freidenker Vereinigung etwas dazu erklären. Dazu werde ich nichts kommentieren. Micha Eigenmann von der gbs wird auch genannt. Zitiert wird er aber nicht. Über die Gründe weiss ich nichts.

Im nächsten Abschnitt kritisiert Caspar, dass die gbs sich im Gegensatz zu den Freidenkern kaum für Säkularität engagiert. Denn die gbs interessiert sich tatsächlich hauptsächlich für Projekte im Bereich der Ethik. So gibt es beispielsweise das Projekt REG (Raising for Effective Giving), welches massiv angegriffen wird. REG hat zum Ziel, Pokerprofis dazu zu bringen einen Prozentsatz ihrer Gewinne zu spenden. So geschehen zum Beispiel Martin Jacobson, welcher für tierethische Organisationen 250'000 Dollar zusammengebracht hat. Noti hält es für zynisch von solchen Menschen Geld anzunehmen. Was genau daran so schlimm sei am Pokern, wird nicht klar. Für mich ist Pokern ein Sport wie jeder andere.

Im letzten Abschnitt kritisiert Noti, dass die gbs grundsätzlich kein Gespür für die politische Komponente habe bei der Entwicklungszusammenarbeit. Und da hat Noti vielleicht nicht einmal völlig unrecht. Auf den ersten Blick kann es vielleicht so scheinen, dass die gbs sich nicht um Politik und die "Machtfrage" kümmert. Was spricht dagegen etwas von seinen 10% an eine NGO zu spenden, die sich zum Beispiel gegen Korruption engagieren? Damit kann man die Effektivität von Spenden in gewisse Gebiete beispielsweise steigern.

Und in seinem Kommentar schreibt der Autor (Wolf Südbeck-Baur) darüber, dass, weil die "Machtfrage" nicht gestellt wird, die "ungerechte Verteilung in den Händen weniger" bleibt. Hier muss man sich auch fragen, ob die Vermögensverteilung in der Dritten Welt genuin eine Aufgabe von uns Europäern ist. Klar, wir können beispielsweise Länder in Afrika bei der Errichtung einer funktionierenden Demokratie und bei der Bekämpfung der Korruption unterstützen, zum Beispiel finanziell oder mit Know-how. Aber letztlich finde ich es aber sehr paternalistisch, wenn wir dann effektiv anfangen in die Vermögensverteilung in diesen Ländern einzugreifen. Das soll/muss politisch in diesen Ländern entschieden werden.

Eine Anzeige der Caritas.
Ausserdem finde ich, dass dieser imaginäre Graben zwischen der gbs und der Caritas nicht besteht. Auch die Caritas engagiert sich beispielsweise für weniger Fleischkonsum, ähnlich wie die gbs. Ich finde es gehört nicht zum guten Ton über andere Organisationen mit vergleichbaren Zielen herzuziehen. Es besteht hoffentlich nicht so etwas wie eine Konkurrenz. Oder doch?
Kommentar veröffentlichen