Montag, 23. Februar 2015

Lepraoperation oder 20 Franken einsacken? - Ein merkwürdiges Experiment

Röntgenbild einer an Lepra erkrankten Person (CC 2.0 Major Buker O.S.G)
Ich nehme gerne an Experimenten teil, die an der Uni zum Beispiel am Institut für Volkswirtschaftslehre vergeben werden. Man verdient gutes Geld und es macht meistens auch Spass. Eigentlich nicht weiter erwähnenswertes. Nun aber heute ein weiteres Experiment, das mich sehr nachdenklich gemacht hat. Ich verstehe diesen Text auch als Selbsttherapie.

Ausgangslage
Das Experiment ist im Grunde ein ganz gewöhnliches. Man sitzt vor einen Computer und wird dann jeweils virtuell und zufällig zu Zweierpärchen zusammengesetzt. Am Anfang wird festgelegt, ob man Person 1 oder Person 2 ist. Person 1 ist in einer eher passiven Rolle, spielt zwar mit, aber die Entscheidungen spielen keine Rolle. Es geht darum, dass man sich zwischen Alternative A und Alternative B entscheiden kann. Wenn man Alternative A wählt, wird einem Leprakranken in Indien über die Hilfsorganisation FAIRMED eine Operation im Wert von etwa 60 Franken (Kosten sind abhängig von Fall zu Fall und Schwere der Verletzungen) gewährt. Wenn man Alternative B wählt, dann erhält Person 2 den Betrag X, wobei X zwischen 20 und 0 Franken liegt und Person 1 erhält 20-X Franken. Gespielt wird jeweils in Runden, wovon es zehn Stück mit jeweils neu zugelosten Partnern gibt. Von diesen Runden wird dann eine zufällig ausgewählt und von diesen dann wiederum eine Entscheidung. Also finden bei 34 Probanden maximal 17 Operationen statt.

Was verändert eine Operation?
58% (127 295 registrierte Fälle!) der Neuerkrankungen finden in Indien statt. Gerade dort werden Leute mit Verstümmelungen wegen Lepra, oft ausgegrenzt und leiden ein Leben lang darunter. Eine Operation kann dieses Leid oft deutlich senken. Wohlgemerkt behandelt man mit dieser Operation nicht die Krankheit selber, sondern minimiert die Sichtbarkeit der Verstümmelungen. Verstümmelungen kommen übrigens bei 4% der Erkrankten vor.

Die Kernfrage: Ich oder die Operation?
Ich (als Person 2) kann mich also zwischen zwei Dingen entscheiden. Entweder ich gewähre der kranken Person eine Operation (Alternative A), oder ich nehme die 20 Franken und teile diesen Betrag ggf. noch mit Person 1 (Alternative B). Wenn wir jetzt daran denken, dass die Studienleitung bei Alternative A tatsächlich eine Operation für ca. 60 Franken finanziert, wirkt die Entscheidung extrem irrational. 

Stellen wir uns das einmal bildlich vor. Wir haben in der Mitte eine Kiste, darin befinden sich 60 Franken, die von der Studienleitung bereitgestellt wurden. Auf der einen Seite stehen ich und mein Partner und auf der anderen Seite steht einE LeprakrankeR, der das Geld für eine Operation braucht. Entscheide ich mich wirklich für Alternative A, dann nehme ich quasi 20 Franken aus der Kiste und teile diese 20 Franken ggf. noch mit der Person 1 und 40 Franken gebe ich an die Studienleitung, obwohl ich auch der erkrankten Person die Operation mit dem Geld in der Kiste bezahlen könnte?

Meine Überlegungen
Ich selber war ja Person 1, konnte also nur konsultativ an Entscheidung Alternative A oder B teilnehmen. Aber es war für mich glasklar: Ich habe mich immer für Alternative A entschieden, egal wie hoch X auch war. Denn es kann ja nicht sein, dass mein Interesse etwas mehr Geld zu haben, dass ich für lächerliche Dinge ausgebe, um mir etwas Freude zu machen, niemals mit dem Leid verglichen werden kann, dass beim Leprakranken verhindert wird.

Das Experiment konkret
Ich dachte eigentlich als Gutmensch, dass sich die anderen Teilnehmenden ähnliche Gedanken machen würden. Falsch gedacht. Nach zehn Runden stand es 5:5. Also hatten sich fünf Personen dafür entschieden der erkrankten Person die Operation zu verweigern und stattdessen einen vergleichsweise kleinen Betrag zu kassieren. Fünf hatten sich dagegen entschieden, aber auch vielleicht nur, weil X so unverlockend war für sie.

Konkret sah bei mir dann die Abrechnung so aus: 15 Franken (Mindesthonorar) + 16 Franken (20-X), also insgesamt 31 Franken. Obwohl ich nichts entschieden habe, fühlte ich mich sehr schlecht.
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