Donnerstag, 18. Dezember 2014

Rezension: Gary L. Francione: "Introduction to Animal Rights - Your Child or the Dog?"

Gary L. Francione ist Rechts-Professor, hat aber auch Philosophie studiert. Seine Arbeiten zu Tierrechten sind daher sehr interessant mit diesem Hintergrund.

Francione gilt als radikaler Kritiker des rechtlichen Status nicht-menschlicher Tiere. Er vertritt eine Rechte-Theorie angelehnt an Tom Reagan. Francione hält fest: Nicht-menschliche Tiere* können Eigentum sein. Das ist die Francione die Basis für das Leid, dass "Nutztieren" überall angetan wird. Er bezeichnet es als schizophren, dass Tierschutzgesetze Tiere vor unnötigem Leid schützen will, aber die Nutztierhaltung entschuldigt, gerade weil sie Eigentum sind.

Im Artikel 3 des (schweizerischen) Tierschutzgesetzes heisst es im Abschnitt a: "Die Würde des Tieres wird missachtet, wenn eine Belastung des Tieres nicht durch überwiegende Interessen gerechtfertigt werden kann. Eine Belastung liegt vor, wenn dem Tier insbesondere Schmerzen, Leiden oder Schäden zugefügt werden, es in Angst versetzt oder erniedrigt wird, wenn tief greifend in sein Erscheinungsbild oder seine Fähigkeiten eingegriffen oder es übermässig instrumentalisiert wird[.]" Eigentlich eine Feststellung die ich so zu 100% unterschreiben würde, bis auf die Formulierung ganz am Schluss mit der übertriebenen Instrumentalisierung.

Eine ähnliche Formulierung findet sich in vielen anderen Tierschutzgesetzen auf der Welt, schreibt Francione.

Francione arbeitet heraus, wie sich das Denken über Tiere entwickelt hat. Er stellt fest, dass Descartes einer der wenigen Denker der Neuzeit war, der annahm, dass nicht-menschliche Tiere nicht empfindsam sind. Kant, Locke und so weiter waren alle der Überzeugung, dass Tiere tatsächlich empfindsam und ähnlich den Menschen waren. Sie waren aber nicht der Überzeugung, dass Menschen Verpflichtung gegenüber "Tieren" haben würden. (Das heisst jetzt nicht, dass Menschen Tieren alles antun dürfen.) Das änderte sich erst mit Bentham, der sich für tierliche Interessen stark gemacht hat. (Trotz dem grossen Fortschritt den Bentham zur Diskussion gebracht hat, war er überzeugter Fleischkonsument. Francione kritisiert diese Zwiegespaltenheit in Kapitel sechs: "Having Our Cow and Eating Her Too: Bentham's Mistake". Dazu später mehr.)

Francione zählt alle Arten der Tiernutzung auf. Wer schon viele Bücher zum Thema gelesen hat, wird einige Wiederholungen finden, aber auch viele weitere interessante Bereiche, an die man nicht gedacht hat. So berichtet Francione, wie das Geschäft mit Rennpferden, Rennhunden oder sogenanntem "canned hunting" (also eingefangene oder gar gezüchtete Tiere, die gezielt zur Unterhaltung abgeschossen werden) funktioniert. Einen solchen Bericht habe ich bisher noch nie sonst gelesen. Insofern hat sich die Lektüre dieses Kapitels gelohnt.

Lohnenswert ist auch der lange, ausführliche und ausgeklügelte Abschnitt über Tierversuchen. Francione zählt Probleme mit Tierversuchen auf. Viele Erkenntnisse aus Tierversuche sind nicht anwendbar auf den Menschen und somit vergebens. Ausserdem werden seit Jahren HIV- und AIDS-Tierversuche gemacht, die enorme Kosten verursachen, die man geschickter in Prävention stecken müsste. Tierversuche sind nicht immer die effektivste Art eine Krankheit zu bekämpfen, nur schon rein finanziell gesehen. Tierversuche führen manchmal auch zu völlig falschen und gar gefährlichen Ergebnissen. So dachte man lange wegen infiszierten Tierversuchs-Affen, dass Polio eine Krankheit nur eine Nervensystem-Erkrankung ist und man daher die Möglichkeit einer Polioimpfung jahrelang übersah, mit unglaublichen Folgen. Ausserdem sind die meisten Tierversuche unglaublich trivial und "unnötig". Unnötig deswegen weil zum Beispiel immer neue Produkte getestet werden müssen oder sich Forschende Fragen stellen, die zwar "nice to know" sind, aber nicht als Rechtfertigung für das enorme Leid ausreichen, dass den Tieren angetan wird. So an der Universität von Wisconsin Kätzchen nach der Geburt direkt die Augen zugenäht, damit man erforschen konnte, wie sich darauf das Hirn entwickelt.

Francione 2010 (Foto von Saibo nach CC 3.0, Quelle)
Francione möchte den Begriff "Person" auch auf nicht-menschliche Tiere übertragen und zwar grundsätzlich. Zum Beispiel Peter Singer wäre mit dieser Begriffsverwendung wohl nicht zufrieden. Für Singer sind Personen  Lebewesen die neben Empfindungsfähigkeit auch eine Vorstellung vom "ich" und Vergangenheit und Zukunft haben. (Viele Menschen sind laut Singers Definition ergo "Personen", aber nicht alle. Bei den nicht-menschlichen Tieren, fallen einzelne Lebewesen darunter, so zum Beispiel gewisse Menschenaffen.) Genau diese Unterscheidung verwirft Francione. Für ihn zählt nur die Empfindungsfähigkeit. Das heisst aber nicht, dass Tiere ein Wahlrecht haben. Es bedeutet auch nicht, schreibt Francione, dass Tiere ein absolutes Recht davor haben vor Leid geschützt zu werden, wenn Wildtiere von anderen Wildtieren angegriffen werden. Aber die Nutzung von Tieren sei ausgeschlossen, weil die Benutzung von Tieren impliziert, dass sie keinen moralischen Status haben.

In Kapitel fünf schreibt der Autor über die Geschichte der Philosophie des Geistes von nicht-menschlichen Tieren. Er beschreibt die Bekannte Haltung von Descartes, dass Tiere nur Maschinen sind und kein Bewusstsein haben, als auch biblische, christliche Haltung zum tierlichen Status. Interessant sind auch die Ausführungen zum Denken von Marx.Gemäss Marx ist es ein typisches menschliches Charakteristikum, dass die Umwelt von Menschen nicht nur aus Nutzen verändern, wie das zum Beispiel ein Vogel macht, wenn er ein Nest baut. Tiere sind also eine Stufe tiefer als Menschen. (Ich muss ehrlich gestehen, dass ich den Gedanken von Marx den Francione wiedergibt nicht ganz fassen kann.)

In Kapitel sechs kritisiert Francione die Haltung von Bentham. Das grösste Problem ist, aus der Sicht von Francione, dass Bentham die "Rechts-Idee" ablehnt. Jede Haltung, die tierliche Interessen ernsthaft behandeln will, und gleichzeitig Rechte ablehnt, ist, gemäss dem Autor, zum Scheitern verurteilt. So auch die "Ecofeminists", die Rechte als etwas patriachales ablehnen und lieber eine Ethik propagieren, die auf "care" basiert propagieren. Francione schreibt, dass es unmöglich sei zum Beispiel eine Vergewaltigung mit dieser "Careethik" abzulehnen.

Francione unterscheidet zwei Arten von Utilitarismus. Aktutilitarismus, welcher jede Handlung und seine jeweilige Konsequenzen anschaut und Regelutilitarismus, welcher überprüft, welche Regel am meisten Glück und am wenigsten Leid produziert. Bentham ist normalerweise ein Aktutilitarist, schreibt Francione, aber wenn es um (menschliche!) Sklaverei geht ist er ein Regelutilitarist, welcher Sklaverei prinzipiell verbietet. Aus der francionischen Sicht drängt sich natürlich hier die Frage auf, warum nicht prinzipiell die Tiernutzung untersagt mit einer Regel. Klar ist, dass Francione mit Bentham und "seinem geistigen Nachfolger Peter Singer" (Zitat Francione) nicht einverstanden ist.

In einem letzten Kapitel stellt sich Francione der Frage im Untertitel des Buches. "Your Child or the Dog?" Soll man aus einem brennenden Haus, wenn man nur jemanden retten kann, sein Kind oder seinen Hund retten. Für Francione ist klar, dass man immer sein Kind retten wird und das auch moralisch auch akzeptabel ist. Aber bei Tierversuchen handelt sich eben nicht um ein solches "brennendes Haus"-Szenario.

Hier setzt meine Kritik an. Francione begründet, dass wir keine Tierversuche machen dürfen, weil es auch Menschen gibt, die geistig auf einer gleichen Stufe sind, wie die Versuchtstiere. Diese Menschen würde man nicht benutzen. Ich muss ehrlich sagen, dass Francione hier die utilitaristische Kritik vergessen hat. Als Utilitarist finde ich, dass wenn man zum Beispiel Malaria komplett ausrotten könnte mit einem Versuch an einem Lebewesen (vorrausgesetzt, das wäre die einzige Möglichkeit!), dann würde ich dieses Experiment sogar bei einem "normalen" (d.h. geistig-"nichtbehinderten" Menschen) durchführen. Das Problem ist ja in der Praxis, dass es solche drastische Fälle nicht gibt. (Eine Garantie, dass ein Experiment, eine quasi Folterung, zu diesem Ziel führt gibt es sowieso nie!) Und es praktisch immer Alternativen gibt. In den wenigen Fällen bin ich einverstanden, dass man nicht-menschliche Tiere einsetzt, wenn man auch geistig-eingeschränkte Menschen einsetzt (oder zumindest würde. Ich glaube dieser Fall würde äusserst selten (oder gar nie) eintreten.

Die Ausführungen zum juristischen Status von Tieren sind allerdings sehr aufschlussreich. Diese Überlegungen muss die Tierrechtsbewegung definitiv ernst nehmen.

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*Ich schreibe manchmal "nicht-menschliche Tiere" oder nur "Tiere". Menschen sind auch bei letzterem nicht eingeschlossen, obwohl sie ja auch Tiere sind. Entschuldigt diese mangelhafte begriffliche Arbeit.
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