Samstag, 2. August 2014

Schächten und Antisemitismus

Abb. 1: Jüdische Weltverschwörung?; VgT-Nachrichten 1/1996, S. 11. (Online verfügbar)

In diesem Essay stütze ich mich zu grossen Teilen auf die Dissertation von Pascal Krauthammer "Das Schächtverbot in der Schweiz, 1854-2000: Die Schächtfrage zwischen Tierschutz, Politik und Fremdenfeindlichkeit". (Funfact: Diese Arbeit wollte übrigens Erwin Kessler verbieten lassen.)

Der traditionelle Tierschutz und seine Motive
Die traditionelle Tierschutzidee vertrat die These, dass Brutalität gegen nicht-menschliche Tiere nur deswegen zu verurteilen ist, weil es die Menschen abstumpfen gegenüber Menschen. Dieser Gedanke findet sich zum Beispiel bei Kant. Die Frage die man sich hier nun stellen kann, ist, ob zum Beispiel Metzger mehr Morde begehen. Ob das so ist, bezweifle ich, man könnte diese Frage aber untersuchen.

Es erstaunt daher nicht, dass der Tierschutz im 19. Jahrhundert sich stark auf das Schächten konzentrierte. Heute wissen wir zwar aus wissenschaftlichen Gutachten (so zum Beispiel von Prof. Dr. H. Spörri im Januar 1965), dass Schächten sich nicht von anderen Methoden wie zum Beispiel eine Schlachtung mit Bolzenschuss unterscheidet. Aber zugegeben: Eine koschere Schlachtung sieht extrem brutal aus und hat demensprechend eine klare Wirkung auf die Menschen.

Die Einordnung des Schächtens in den gesamten Umgang mit nichtmenschlichen Tieren
Es gibt Dinge, die wir nichtmenschlichen Tieren antun, die wesentlich schlimmer sind als Schächten. Während ein geschächtetes Tier für einige Sekunden leidet, kämpft ein Reh, welches gejagt wird während wesentlich längere Zeit um das Überleben. Wenn man sich unbedingt auf eine einzelne Sache konzentrieren will, dann sollte man sich auf diese Dinge (wie die Jagd) konzentrieren und nicht auf das Schächten. Ich stelle aber hier entschieden fest: Ich halte Schächten nicht für eine gute Sache, es soll aber nicht als einzelnes Phänomen angegriffen werden, sondern als eine von vielen Schlachtmethoden, welche alle abgeschafft gehören, meiner Meinung nach.

Antisemitismus fängt für mich dort an, wo für Juden andere Regeln gelten als für andere Leute. Wenn man sich mit - offensichtlich irrationalen Gründen - gegen das Schächten der Juden ausspricht und sich derart darauf konzentriert.

Das Beispiel Erwin Kessler und der VgT
Erwin Kessler, ein entschiedener Schächt-Gegner, ist mir ja ohnehin sehr suspekt. Pascal Krauthammer stellt in seiner Arbeit eine gute Übersicht über die antisemitischen Ausfälle von Kessler in seinen "VgT-Nachrichten" zusammen. So vermutet er die klischeehafte "jüdische Verschwörung" von Politik, Medien und Wissenschaft[1] um das "Schächten" zu bewahren. (Funfact: Kessler hat sich auch gegen die Antirassismus-Strafnorm gewehrt. Schliesslich wurde er auch 1998 nach dieser verurteilt.)

Ausserdem war ja Erwin Kessler bei der Nationalen Aktion Mitglied. Ebenfalls pflegt Kessler Kontakte mit Revisionisten. So schreibt der Journalist Hans Stutz:
 Seit mehreren Jahren hat Kessler auch eine symbiotische Beziehung mit der Schweizer Rechtsextremisten-Szene. Diese sieht in Kessler einen ihnen zumindest nahestehenden Zeitgenossen, andererseits unterstützte der Tierschützer zu wiederholten Malen neonazistische Exponenten. Besonders eifrig griff er für Jürgen Graf in die Tasten. Einerseits behauptet Kessler der flüchtige Holocaust-Leugner sei ein politisch Verfolgter, der "den Holocaust gar nicht" leugne, "sondern nur eine von der offiziellen Geschichtsschreibung abweichende Meinung über Einzelheiten" habe. (Quelle)
Das Problem aus meiner Sicht bei Kesslers Engagement ist nicht seine Gegnerschaft gegen das Schächten, obwohl sie irrational ist, weil sie nicht die schlimmste Praxis ist, die wir Tieren antun. Wirklich verabscheuend finde ich, dass Kessler antisemitische Klischees von der übelsten Sorte aufnimmt. Krauthammer schreibt darüber, dass Kessler klassische "Talmud-Verfälschungen" in der Tradition klassischer Antisemiten aufnimmt, nachdem er nach der Antirassismus-Strafnorm verurteilt wurde.[2]

Mein Fazit
Noch einmal: Es ist Kesslers Meinung zur vermeintlichen jüdischen Weltverschwörung, die absolut falsch und antisemitisch ist. Ausserdem ist es für mich unverständlich, dass sich der VgT und Kessler derart auf das Schächten konzentrieren, während man überall Tiere ausbeutet. Es ist ein grundsätzliches Problem und das Schlachten (bzw. das Schächten als eine Methode dafür, die nicht schlimmer oder besser ist) ist nur eine Sache!

Es scheint mir manchmal, als dass alle anderen Arten der Tierausbeutung mit dem Engagement gegen Schächten ihren anderen Konsum von Tieren entschuldigen. Für mich aber ist klar: Veganismus ist das mindeste was wir machen müssen. Es bringt nichts das Phänomen "Schächten" als einzelnes Ereignis anzugreifen, sondern den Speziesimus (nämlich die Tiernutzung) von Grund auf!

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[1]: Krauthammer, S. 255.
[2]: Krauthammer, S. 262.
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