Freitag, 15. November 2013

Rezension: Michael Mitterauer: Warum Europa? Mittelalterliche Grundlagen eines Sonderwegs


Max Weber stellte sich in den „Gesammelten Aufsätzen zur Religionssoziologie“ die Frage, welche Umstände Europa zum heutigen Europa werden liessen. Gemäss Michael Mitterauer muss man im Mittelalter ansetzen um Europa verstehen zu können. Ist die Entstehung der Dominanz Europas laut Mitterauer eher auf ökonomische, politische oder religiöse Faktoren zurückzuführen?

Im ersten Kapitel schreibt Mitterauer über die Agrarrevolution im Mittelalter. Dies tut er unter dem Titel „Roggen und Hafer“, weil diese beiden Getreidesorten eine enorme Rolle, besonders im Zusammenhang mit der Dreifelderwirtschaft, gespielt haben. Sie waren eingebunden in ein grösseres System von Viehzucht und Weidelandbewirtschaftung. Dazu gehören aber auch die Entwicklung des schweren Pflugs und eines Transportwesens, namentlich dem verbessertem Pferdewesen, welches wieder mit dem Hafer-Anbau zusammenhing.

Die Familien- und Verwandtschaftsstruktur sind wichtige Unterschiede von Europa beispielsweise mit arabischen Ländern oder China. In islamischen Ländern durfte man Frauen verstossen, wenn sie keinen Sohn gebaren, der dem Vater nachfolgen kann. Das zeigt wie streng und eng diese familiären Verbindungen waren. Mitterauer hält im dazugehörigen dritten Kapitel fest, dass das Christentum im Mittelalter zu lockereren Abstammungsbeziehungen geführt hat, was der Wirtschaft zuträglich war. Arbeit musste nicht mehr unbedingt im Familienverband getan werden, sondern war tendenziell frei verfügbar.

In Kapitel zwei schreibt Mitterauer zur Hufenverfassung, dass die Verwandtschaftszugehörigkeit gesellschaftlich eine untergeordnete Rolle spielte. Massgeblich war die Gutszugehörigkeit und nicht von wem man abstammte und in welche Familie man gehörte. Mitterauer führt die Bedeutung des europäischen Feudalismus in Kapitel vier weiter aus. Diese Ständeverfassung mit allen ihren Widersprüchen und Spannungen habe schliesslich zur Entwicklung europäischen Parlamentarismus geführt.

Es habe zu ebenfalls Spannungen geführt, dass sich universale Ordensgemeinschaften und das Papsttum gegenüberstanden. Dieser Konflikt sei für den europäischen Sonderweg nützlich und prägend gewesen. Was genau „nützlich“ war, das lässt sich aus Mitterauers Ausführungen nicht genug genau erschliessen.

Klar ist hingegen, dass Mitterauer die Kreuzzüge im sechsten Kapitel als ein Ausdruck des europäischen Expansionismus sieht. Für die expansionistischen Bestrebungen der italienischen Seerepubliken verwendet Mitterauer den Begriff „Protokolonialismus“.

Das letzte Kapitel befasst sich grob gesagt mit Massenkommunikation. In China und in den arabischen Ländern galt Schrift und insbesondere Handschrift  lange als etwas Besonderes, wenn nicht sogar etwas Heiliges. So hatte man in islamischen Ländern Vorbehalte gegen den Buchdruck. Natürlich gab es auch liberalere Kalifen, welche die Wichtigkeit des Buchdruckes sahen, aber eine solche Buch- und Lesekultur entsteht nicht sofort, hält auch der Autor fest.

Der Buchdruck wird von Mitterauer mitverantwortlich gemacht für die Reformation. Die Verfügbarkeit von vielen gedruckten Texten führte dazu, dass man Instruktionen und Regeln verbreiten konnte. So konnte sich auch eine „Bürokraten und Beamtenkultur“ bilden.

Der Buchdruck verdrängte Latein in weiten Teilen und verstärkte die Volkssprachen.

Die obige Frage, ob eher ökonomische, politische oder religiöse Faktoren den europäischen Sonderweg geprägt haben, ist meines Erachtens falsch gestellt. Mitterauer macht unmissverständlich klar, dass diese Umstände unglaublich komplex sind, weil sie alle mit einander verkettet sind.

Ebenfalls spricht Mitterauer kaum von „Faktoren“ sondern vom Begriff der „Faktorenbündel“. Dieser Begriff wird seinem oben erläuterten Denken eher gerecht.

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