Donnerstag, 23. Mai 2013

Rezension: Jacob Burckhardt: Weltgeschichtliche Betrachtungen

Jacob Burckhardt scheint eine wichtige Persönlichkeit für die Schweiz gewesen zu sein, dachte ich mir, bevor ich mich mit ihm, seinem Leben und insbesondere mit seinem Buch "Weltgeschichtliche Betrachtungen" beschäftigt habe. Immerhin ist er auf der hundert-Franken-Note!
Zugegeben ich bin sehr enttäuscht. Das Buch hat viele Stellen drin, für die man heute wahrscheinlich öffentlich an den Pranger gestellt werden würde und zwar zurecht. Das Buch hat ein extrem negatives Menschenbild, wahrscheinlich auch von Nietzsche beeinflusst, mit  dem Burckhardt in Basel zu tun hatte. Der Islam wird als eine "elende" Religion beschrieben. Abgesehen von der sogenannten "europäischen Kultur" gibt es wohl nichts aus der Sicht von Burckhardt (was ich entschieden ablehnen muss, nach der Lektüre von Michael Mitterauers "Warum Europa?" in dem die asiatische, als auch die arabische und die chinesiche, aber auch die japanische Kultur herausgehoben werden, die es mit der europäischen Kultur stellenweise sicherlich mithalten können). Wenn ich andere Rezensionen lese, merke ich, dass ich nicht der einzige bin, der  ein bisschen schockiert ist, über die rassistischen Teile des Buches.
Das Buch stammt aus dem Nachlass von Burckhardt, basiert auf Vorlesungen (ähnlich wie bei Braudels Dynamik des Kapitalismus) und hätte eigentlich nicht veröffentlicht werden sollen.
Interessant sind auf jeden Fall Burckhardts Überlegungen zu den drei Potenzen, nämlich Staat, Religion und Kultur. Auch wenn es Burckhardt nicht explizit gesagt hat, schwebte mir während dem Lesen immer ein Dreieck vor dem inneren Auge, dessen drei Ecken sich alle gegenseitig beeinflussen. Heute ist der Bezug zwischen Kultur-Religion-Staat immer noch ein brandaktuelles Thema, man denke beispielsweise an die sogenannte "Islamisierungs-Debatte" in der Schweiz und der Minarett-Abstimmung oder die "Deutschland schafft sich ab"-Diskussion vor ein paar Jahren.Ob diese Dreipotenzentheorie noch zeitgemäss ist, muss man sich nicht fragen, aber ob sie noch zeitgemäss bleiben soll, ist eine andere Frage.
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